Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie – Aufgaben und Weiterbildung

10 Minutes|18. Januar 2024|Oliver Haas Oliver Haas
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Facharzt für Kinder und Jugendpsychiatrie – Facharztweiterbildung und Aufgaben

Erwachsenwerden ist nicht einfach. Nicht nur während der Corona-Pandemie haben die psychischen Störungen und Erkrankungen unter Kindern und Jugendlichen zugenommen. In der schnelllebigen und von internationalen Krisen durchzogenen Gesellschaft sind die Auswirkungen negativer Dauerbeschallung auf die Kinder und Jugendgesundheit deutlich erkennbar.

Laut Definition umfasst das Gebiet der Kinder- und Jugendpsychiatrie die Erkennung, Behandlung und Prävention von psychischen, psychosomatischen, entwicklungsbedingten und neurologischen Erkrankungen oder Störungen sowie bei psychischen und sozialen Verhaltensauffälligkeiten im Kindes- und Jugendalter.

Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie – Aufgaben und Arbeitsbereiche

Zu den Hauptaufgabenfeldern des Facharztes für Kinder- und Jugendpsychiatrie gehören die Diagnose, Behandlung und Prävention von psychischen Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen. Zusätzlich sind sie der direkte Ansprechpartner für die Eltern bzw. Sorgeberechtigten der jungen Patienten.

Die Diagnostik in der Kinder- und Jugendpsychiatrie besteht aus umfassenden Untersuchungen, um Hinweise auf psychische Störungen zu erkennen und zu identifizieren. Die Fachärzte für Kinder und Jugendpsychiatrie sind für die Erkennung besonders auf die Beobachtung von Verhaltensauffälligkeiten angewiesen, da Kinder und Jugendliche nicht immer von sich aus um Hilfe bitten oder nicht zur Selbstreflektion in der Lage sind.

Für die Beobachtung ist auch der Austausch mit den Eltern erforderlich, um mehr über das Verhalten der Kinder und Jugendlichen im Alltag sowie in der Schule zu erfahren. Hinweise von Lehrkräften an die Erziehungsberechtigten spielen ebenso eine wichtige Rolle in der Erkennung von psychischen Auffälligkeiten bei Minderjährigen.

Die Diagnostik umfasst dann die Beurteilung der Verhaltensauffälligkeiten (z.B. besonders oder vermehrt aggressives Verhalten, starke Stimmungsschwankungen, Entwicklung von Angststörungen, sonderbare Essgewohnheiten, etc.) sowie anderweitig erkennbarer Probleme bei Kindern und Jugendlichen, wie etwa Lernschwierigkeiten, Schlafstörungen und emotionale Auffälligkeiten.

Zu den gängigen psychischen Störungen oder Erkrankungen, die von Fachärzten für Kinder- und Jugendpsychiatrie diagnostiziert und behandelt werden, gehören unter anderem Angststörungen, Zwangsneurosen, Tics, Manie, AD(H)S, Essstörungen sowie Depressionen und autistisches Verhalten.

Auf Grundlage der Diagnose bestimmen Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie eine auf die psychische Störung oder Erkrankung passende Therapie und optimieren diese den individuellen Bedürfnissen der jungen Patienten entsprechend. Die Therapiepläne müssen dabei immer dem sich möglicherweise stetig ändernden Verhalten der Kinder und Jugendlichen angepasst werden.

Mögliche Therapieformen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie sind Verhaltenstherapie, Familientherapie, psychotherapeutische Verfahren wie die Psychoanalyse aber auch der Einsatz von Medikamenten. Letzteres dient meistens der Beruhigung der Kinder und Jugendlichen, die mit ihrer Erkrankung und den dadurch entstehenden Reizen und Impulsen überfordert sind.

Bereits während der Diagnostik und auch begleitend zur Therapie steht der Facharzt stetig im engen Austausch mit den Eltern beziehungsweise Sorgeberechtigten und ist zuständig für deren Beratung und Unterstützung im Umgang mit ihren Kindern und deren psychischen Auffälligkeiten. Zusammen werden nicht nur Bewältigungsstrategien für den Alltag, sondern auch neue Erziehungsansätze entwickelt.

Prävention gehört ebenfalls zu den Aufgaben des Facharztes für Kinder- und Jugendpsychiatrie. So engagieren sich manche in Schulungsprogrammen für Eltern, Erzieher und Lehrkräfte, um die Entwicklung psychischer Störungen bereits im jungen Alter zu verhindern oder die ersten Anzeichen frühzeitig zu erkennen und so eine tiefergehende Störung zu vermeiden.

Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie – Studium und Weiterbildung

Nach dem grundlegenden Medizinstudium und der Approbation können die frisch ausgebildeten Mediziner ihren Weg zum Facharzt einschlagen. Die Dauer der Facharztausbildung Kinder- und Jugendpsychiatrie liegt in der Regel bei fünf Jahren und wird in psychiatrischen Kliniken oder entsprechenden Stationen, Praxen und Einrichtungen mit dem Schwerpunkt in Kinder- und Jugendpsychiatrie absolviert. Bis zu zwölf Monate der Weiterbildung können dabei auch zum erweiterten Kompetenzerwerb an Einrichtungen in anderen Gebieten erfolgen. Am Ende der Weiterbildung steht die Facharztprüfung.

Folgende Ausbildungsinhalte zählen unter anderem zu den Grundlagen der Weiterbildung zum Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie:

Krankheitslehre und Diagnostik:

  • Entwicklungspsychologie und –pathologie
  • Kinder- und jugendpsychiatrische, -psychosomatische und –psychotherapeutische Anamnese und Befunderhebung, Differentialdiagnostik, Verhaltensbeobachtung und Explorationstechnik unter Beachtung einer diagnostischen Klassifikation und der Einbeziehung symptomatischer Erscheinungsformen sowie familiärer, epidemiologischer, schichtenspezifischer und transkultureller Gesichtspunkte einschließlich standardisierter Diagnostik, insbesondere Theorie- und Fallseminare zur Krankheitslehre und Diagnostik sowie dokumentierte Erstuntersuchungen einschließlich Konsiliar- oder Liaisonuntersuchungen
  • Theoretische Grundlagen der Psychotherapie in den wissenschaftlich anerkannten Psychotherapieverfahren
  • Entstehungsbedingungen, Differentialdiagnostik und Verlaufsformen der psychischen und psychosomatischen Störungen im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter
  • Neurologische Krankheitsbilder bei Kindern und Jugendlichen einschließlich der neuropädiatrischen Anamneseerhebung und Untersuchung
  • Neuropsychologische Untersuchungs- und Behandlungsmethoden
  • Indikationsstellung und Befundinterpretation bildgebender Untersuchungen sowie neurophysiologischer Untersuchungen, insbesondere Elektroenzephalographie
  • Methodik, Durchführung und Befunderstellung psychologischer Testverfahren in der Entwicklungs-, Leistungs- und Persönlichkeitsdiagnostik

Behandlung psychischer Störungen im Kindes- und Jugendalter

  • Behandlung psychischer und psychosomatischer Störungen, einschließlich der Definition von Behandlungszielen, der Indikationsstellung verschiedener Behandlungsmethoden, der Anwendungstechnik und Erfolgskontrolle sowie der Festlegung eines Behandlungsplans unter Einbeziehung der Bezugspersonen
  • Behandlung psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen mit Intelligenzminderung
  • Behandlung mit Psychotherapieverfahren und -methoden sowie -techniken
    • Kurzzeit- und Langzeittherapien in Einzelsitzungen unter Supervision und unter Einbeziehung der Bezugspersonen
    • Gruppen-Psychotherapien bei Kindern oder Jugendlichen unter Supervision sowie begleitende Gruppen-Psychotherapie von Bezugspersonen
  • Verhaltensmodifikationen von Bezugspersonen durch Psychoedukation und störungsspezifische Psychotherapie
  • Sozialpsychiatrische Behandlung komplexer kinder- und jugendpsychiatrischer Fallkonstellationen in Zusammenarbeit mit Jugendhilfe, Sozialhilfe und Schule sowie Gremienarbeit im Sozialraum
  • Übende und suggestive Techniken, z. B. Autogenes Training, Jacobson-Entspannungsverfahren, Hypnose, Skills-Training
  • Behandlungstechnik durch Spezialtherapeuten, z. B. Ergotherapeuten, Heilpädagogen, Sprach-, Bewegungs- und Kreativtherapeuten
  • Somato- und Pharmakotherapie kinder- und jugendpsychiatrischer Störungen

Prävention und Rehabilitation

  • Früherkennung und Prävention der Entstehung von Störungen und Erkrankungen sowie Rückfallverhütung und Vermeidung unerwünschter Therapieeffekte
  • Einleitung von Rehabilitationsmaßnahmen

Grundversorgung in der Suchtmedizin

  • Konsumgewohnheiten und Risikokonstellationen von riskantem Konsumverhalten
  • Pharmakologie suchterzeugender Stoffe
  • Entzugs- und Substitutionsbehandlung
  • Anamneseerhebung bei Patienten mit Abhängigkeitserkrankungen (substanzabhängig und substanzunabhängig)
  • Suchtspezifische Behandlung und Rehabilitation – einschließlich der Beratung von Bezugspersonen

Übergreifende Inhalte

  • Für die Kinder- und Jugendpsychiatrie relevante Gesetze (Sozial-, Unterbringungs-, Straf- und Familienrecht), Verordnungen und Richtlinien
  • Gefahreneinschätzung, Prävention und Intervention bei körperlicher und psychischer Gewalt bei Kindern und Jugendlichen
  • Indikationsstellung und Umsetzung deeskalierender Maßnahmen vorrangig zu Zwangsmaßnahmen

Wo arbeiten Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie?

Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie arbeiten in verschiedenen Einrichtungen für mentale Gesundheit. So etwa in speziellen Fachkliniken, die auf die Diagnose und Behandlung psychischer Störungen oder Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen ausgerichtet sind. Dort werden Patienten häufig stationär, aber auch teilstationär oder ambulant von ausgebildeten Pädagogen, Sozialarbeitern und vor allem von Fachärzten für Kinder- und Jugendpsychiatrie versorgt.

Rehabilitationszentren, die der psychosozialen Rehabilitation von Kindern und Jugendlichen verschrieben sind, bieten ebenfalls eine passende Arbeitsumgebung für Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Ähnlich wie in Fachkliniken gibt es in Rehazentren die stationäre oder ambulante Behandlung.

In ambulanten Praxen bieten Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie Sprechstunden an. Nach der Diagnostik werden die jungen Patienten in regelmäßigen Therapiesitzungen behandelt. Manche Krankenhäuser haben ebenfalls entsprechende Praxen oder Stationen.

Neben Sozialpädiatrischen Zentren, wo vor allem Kinder mit Entwicklungsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten behandelt werden, sind Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie auch im Schulpsychologischen Dienst angestellt und arbeiten dort in allen Schulen und Jahrgangsstufen. Ihr Aufgabenfeld umfasst dort die Behandlung von Heranwachsenden in unterschiedlichen Entwicklungsstadien mit verschiedenen psychischen Störungen und Erkrankungen.

Ausgebildeten Fachärzten für Kinder- und Jugendpsychiatrie steht auch der Gang in die Forschung offen, um die Entstehung psychischer Störungen und Erkrankungen genauer zu untersuchen und somit neue Präventions- und Behandlungsmethoden entwickeln zu können.

Egal für welchen Weg oder welche Einrichtung sie sich entscheiden – Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie sind stetig im Austausch mit Psychologen, Pädagogen oder Sozialarbeitern sowie Erziehungs- und Bildungseinrichtungen.

Alle Informationen zur Arbeit als Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie bei Pacura doc finden Sie hier.

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